Ein Stecker für alle Handys?

Ein Stecker für alle Handys?

05.03.2020 00:01

Noch heuer könnte die EU-Kommission einen Beschluss für einheitliche Ladebuchsen treffen
Von Andrej Sokolow
und Michel Winde

Brüssel – Die EU-Kommission brütet gerade über einen Eingriff in den Elektronik-Markt mit weltweiter Wirkung – und möglichen Auswirkungen für fast jeden Haushalt in Deutschland. Soll sie strikt vorschreiben, dass Smartphones künftig eine einheitliche Ladebuchse haben müssen? Oder doch eine weichere Lösung wählen?
Ein harter Kurs hätte zwei Dinge zur Folge: Die schnelle Dominanz des USB-C-Steckers, der sich gerade ohnehin in neuen Android-Telefonen ausbreitet – und einen Konflikt mit Apple. Der iPhone-Konzern will seinen hauseigenen Lightning-Anschluss behalten und hält die heutige Lösung, dass man Kabel mit verschiedenen Steckern in die Standardbuchsen der Ladegeräte stecken kann, für völlig ausreichend.
In EU-Institutionen schwelt die Ladegeräte-Frage schon lange. Vor über zehn Jahren brachte die Kommission das Thema erstmals auf den Plan. 14 Hersteller, darunter auch Apple, einigten sich in einer Selbstverpflichtung auf einen einheitlichen Standard für Handy-Netzteile. Bei den Buchsen in Smartphones und Tablet-Computern blieben von einst mehreren Dutzend Typen noch drei übrig: USB-C, Apples Lightning sowie Micro-USB, das in Android-Smartphones früher Standard war, jetzt aber eher nur noch in günstigen Geräten vorkommt.
Das Europaparlament forderte die EU-Kommission nun auf, bis Ende Juli Vorgaben für einheitliche Ladetechnik in Handys, Tablets, E-Book-Readern und ähnlichen Geräten zu machen. Das solle für weniger Elektroschrott sorgen – und zugleich Nutzern das Leben erleichtern. Der freiwillige Ansatz habe die Erwartungen nicht erfüllt, heißt es auch aus der Kommission. Daher wolle man nun härter durchgreifen.
Zunächst einmal veröffentlichte die Kommission eine Studie, die ausführlich verschiedene Szenarien analysiert: Einheitliche Buchsen, die Koexistenz von zwei Systemen mit Adaptern, Verpflichtung lediglich zu kompatiblen Ladegeräten. Statt einer Handlungsempfehlung wird ein Pro- und Contra-Labyrinth präsentiert. „Es gibt keine optimale Lösung, alle Optionen haben ihre Nachteile“, schränken die Autoren ein. Am Ende laufe es auf eine „politische Entscheidung“ hinaus, die auch Risiken und Unsicherheiten in Betracht ziehen müsse.
In der Studie heißt es, dass die Kombination aus einheitlichen Buchsen an den Handys und kompatiblen Ladegeräten den meisten Komfort für Verbraucher biete. Doch das Ausmaß der positiven Umwelt-Effekte sei unklar. Zudem gebe es das Risiko, dass die Vorschrift künftige Innovationen bei der Entwicklung von Ladesystemen abwürgen könnte – auch wenn die Autoren das eher für eine theoretische Gefahr halten.
Das EU-Parlament verwies darauf, dass durch Ladegeräte 51 000 Tonnen Elektroschrott jährlich entstünden. Bisherige Absichtserklärungen rütteln allerdings nicht daran, dass neue Smartphones oder Tablets stets mit Ladegerät und Kabel verkauft werden – obwohl sich in den Haushalten immer mehr davon türmen.
Die Hersteller verweisen darauf, dass die Verbraucher ein Netzteil im Gerätekarton erwarteten. Zudem könnten sie so die Sicherheit der Kunden garantieren, die sonst vielleicht zu günstiger und potenziell gefährlicher Ladetechnik greifen würden. Ein solches Risiko sehen auch die Autoren der von der Kommission veröffentlichten Studie. Die aus Umweltsicht radikalste Lösung, die Ladegeräte aus den Handy-Verpackungen zu verbannen, dürfte damit vom Tisch sein.
dpa

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